Wenn ich noch einen Fernseher hätte und es den Elektrischen Reporter im Fernsehen gäbe, dann wäre ich wohl ein regelmäßiger Zuschauer. Dass ich keinen Fernseher mehr besitze, liegt einerseits an der allseits bekannten Qualität vieler TV-Inhalte, aber auch daran, dass man beim Fernsehen immer an feste Zeiten gebunden ist. Da bin ich froh, dass es das World Wide Web gibt. So kann ich auch nachts um zwei das wunderbare Programm des Herrn Sixtus anschauen, der immer wieder Menschen interviewt, deren Sätze man in Stein meißeln möchte. Zum Beispiel Sachen wie: Life is messy - das Leben ist chaotisch. Keine neue Erkenntnis, aber so ehrlich und rundheraus - und vor allem ohne negativen Anklang – sagt das selten jemand.
Der Herr, der das gesagt hat, heißt Jeff Jarvis. In den USA vor dem sogenannten Web 2.0 besonders als TV-Kritiker und allgemein als Journalist bekannt, ist er ein früher Fan und (wenn man das so nennen darf) Aktivist der Bloggerei geworden. In dem Gespräch mit Mario Sixtus ging es um den Journalismus im Internet-Zeitalter (welch episches Wort) und wie er sich in den nächsten Jahren verändern wird. Ich habe immer wieder auf Pause – man beachte die Wortwahl: - geklickt, um mir Sätze von ihm aufzuschreiben. Oder zu begreifen, was er da eben eigentlich gesagt hat. Es gibt zwar Untertitel, aber der Mann redet einfach so schnell!
Also habe ich mir das Video mehrmals und mit Unterbrechungen angesehen. Geht nicht im TV. Ich vermisse meinen Fernseher wirklich sehr selten. Was ist aber, wenn ich mit jemandem darüber reden möchte? Jemanden fragen möchte, denkst du denn da genauso? (Einen Insider-Gruß an die Sportfreunde nach München.) Das würde dann in etwa so ablaufen: Ich treffe zum Beispiel eine Kommilitonin bei einer Vorlesung in der Hochschule. (Kommilitonin deshalb, weil unser Studiengang in unserem Semester eine Männerquote von 4% hat.)
Ich: He, hast du den Elektrischen Reporter Nummer 47 gesehen?
Sie: Äh... was ist das denn? Und auf welchem Sender läuft der?
Ich: Nein, kein Fernsehen, das ist so ein Video im Internet.
Sie: Achso! Na dann schick mir doch mal den Link!
Schwupps, schon ist der wertvolle Content bei meiner Kommilitonin, mit besonderer Empfehlung. Früher konnte man von bestimmten Fernsehprogrammen annehmen, dass sie von der Mehrheit der Bevölkerung gesehen wurden. Bei manchen ist das heute noch so. Wenn der Elektrische Reporter ein Fernsehprogramm wäre, würde er erstens wahrscheinlich nicht in diese Kategorie fallen - Qualität bedeutet nicht gleich automatisch Zuschauermasse - und zweitens hätte ich wahrscheinlich schon sehr viele Folgen verpasst, oder aber, was noch schlimmer wäre, ich wäre gar nicht darauf aufmerksam geworden. Mir hat ja schließlich auch erst ein freundlicher Link den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen gezeigt.
Wenn nun also meine Kommilitonin die Folge 47 des Elektrischen Reporters (und vielleicht noch ein paar mehr Folgen) gesehen hat, können wir uns über die vielen und wichtigen Dinge unterhalten, die Mr. Jarvis so gesagt hat. Und wenn wir zwei uns nichts mehr darüber zu sagen haben, gibt es noch einige andere Menschen aus dem ganzen deutschen Sprachraum, die ihre Meinung in den Kommentaren kundtun, und mit denen ich auch noch sprechen kann, auch wenn ich sie, wie Mr. Jarvis, wahrscheinlich nie persönlich kennen lernen werde. Das macht ja aber bei der Qualität der Unterhaltung keinen Unterschied.
Jetzt wird die Frage kommen: Was bringt mir das? Und darauf wird es nur eine Antwort geben: die Erweiterung meines Horizonts. Simpel, aber wahr. Schließlich wird schon seit Jahren immer wieder und vor allem überall statiert: wir leben in einer Wissensgesellschaft. Wissen kann man sich zum Beispiel über Lektüre aneignen. (Wie heißt eigentlich das audiovisuelle Equivalent zu Lektüre?) Aber mit der Lektüre ist man allein, nur der Text und der eigene Verstand. Wenn man Glück hat bzw sich das richtige Buch aussucht, gibt es noch ein Vor- oder Nachwort, wo sich jemand äußert, wie er oder sie über all das denkt, was der Autor da in formschöne Sätze geordnet hat.
Der wirkliche Lernprozess auf dem Weg zum Wissen findet für mich aber in der direkten Kommunikation statt: Man denkt intensiver über seinen Standpunkt nach, wenn der/die/das Gegenüber einen anderen hat oder nachfragt. Und liegt es nicht in der menschlichen Natur, zu kommunizieren? Ist das nicht Überlebensmittel Nummer Eins? Nach dem Essen natürlich, aber auch dafür muss man kommunizieren, nämlich mit dem ausgewählten Warenangebot im Supermarkt oder, ein wenig dekadenter, mit dem Kellner im Restaurant. (Wenn man sich das dekadent wieder wegdenkt, stehen wir bei Burger King in der Schlange.) Und vor allem muss man sich für etwas entscheiden. Gibt es morgen zum Frühstück Apfel oder Banane? Will ich eine Vorspeise oder nehme ich gleich das Steak? Das Whopper-Menü mit Cola, Fanta oder Sprite?
Da fällt mir doch glatt die Szene aus dem Film „Em@il Für Dich“ ein, in der Tom Hanks alias Böser Buchhandelskettenmogul Joe Fox die Existenzberechtigung von Starbucks beschreibt:
The whole purpose of places like Starbucks is for people with no decision-making ability whatsoever to make six decisions just to buy one cup of coffee. Short, tall, light, dark, caf, decaf, low-fat, non-fat, etc. So people who don't know what the hell they're doing or who on earth they are can, for only $2.95, get not just a cup of coffee but an absolutely defining sense of self: Tall. Decaf. Cappuccino.
(Danke an alle fleißigen Helfer bei imdb.com für das
Zitat.)
Jemand hat vor gar nicht allzu langer Zeit die These aufgestellt, dass wir uns durch das Internet bzw. die fortschreitende Invasion der Computertechnik ins normale Leben (auch Computerisierung genannt, aber ich mag das Wort nicht) an eine andere Denkweise gewöhnen werden: Ja oder Nein. Entweder Oder. Etwas dazwischen gibt es nicht. Ich kann kein Vielleicht anklicken. To click or not to click, that is the question. (Wer auch immer das vor mir gesagt hat, darf gerne Copyright-Rechte anmelden.)
Und da das Internet inzwischen eine unfassbar große Masse bzw. Menge an Information und Unterhaltung in Text-, Foto-, Audio- und Videoform bereit hält, bin ich froh über jeden Link, den ich bekomme - wohlgemerkt von einer Quelle, der ich vertraue. Um zu unterscheiden, in Wertvoll oder Abfall. Weil ich weiß, es gibt da jemanden, der meine Meinung über viele Dinge teilt, also interessiert mich vielleicht auch dieser Link, den er oder sie mir da gerade per Mail, twitter, last.fm oder was auch immer zugeschickt hat. Empfehlungen von Freunden und Bekannten rangieren ja nicht ohne Grund unter den Top Five der wichtigsten Einflusskriterien auf (Kauf-)Entscheidungen.
Nun noch ein abschließendes Wort von Mr. Jarvis aus dem Interview zu diesem Thema:
The internet itself IS the social network, and it's a network of content and people. And when people create their content and link to each other - that's the conversation.
In diesem Sinne.